Wie Essen und Immunsystem zusammenhängen

Interview mit Dr. Krasimira Aleksandrova

Dr. Krasimira Aleksandrova ist Leiterin der Senior Scientist Group Ernährung, Immunität und Metabolismus des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE). Im Interview zeigt sie die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Immunsystem auf – mit besonderem Augenmerk auf das Alter.

 

Nicht jeder reagiert mit Krankheitssymptomen, wenn er mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 in Kontakt kommt. Was haben Alter und allgemeine Konstitution eines Menschen mit dieser Tatsache zu tun?

Wie bei jeder anderen Krankheit hängt die Anfälligkeit des Menschen für eine COVID-19-Infektion von einer Reihe von Faktoren ab, unter anderem von der individuellen Genetik, dem Geschlecht, dem Alter und der Umwelt.  Ältere Menschen leiden häufiger an Krankheiten und chronischen Beschwerden, die den Organismus anfälliger und weniger wirksam im Kampf gegen das Virus machen. Aber auch ein schlechter Zugang zur Gesundheitsversorgung, der Ernährungszustand und die Belastung durch Toxine und Umweltverschmutzung sind wichtige Faktoren.  So kam beispielsweise eine kürzlich durchgeführte Studie, die auf Daten von 17 Millionen Menschen basiert, zu dem Schluss, dass Patienten, die älter als 80 Jahre sind, mindestens 20-mal häufiger an der Infektion sterben als solche, die zwischen 50 und 60 Jahre alt sind. Dieselbe Studie deutet auch darauf hin, dass bei Männern sowie Menschen mit Diabetes, schwerem Asthma und verschiedenen anderen Erkrankungen ebenfalls eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, an COVID-19 zu erkranken.1

 

Wie viel hat Ernährung mit Immunstärke zu tun?

Es besteht kein Zweifel, dass unsere Ernährung und unser Lebensstil eine wichtige Rolle bei der Bestimmung unserer allgemeinen Gesundheitskonstitution spielen – auch bei der Erhaltung eines ausgewogenen Immunzustandes. Ein gesunder Lebensstil ist nach wie vor von zentraler Bedeutung für die Erhaltung eines gesunden Immunsystems bei der Mehrheit der Menschen. Es ist gar nicht so wichtig, dass man sich nur vor bestimmten Nahrungsmitteln oder Nährstoffen hütet. Ausschlaggebend ist vielmehr, dass man allgemein einem gesunden Ernährungsmuster folgt, das sich durch die Vielfalt an frischem Obst und Gemüse, fermentierten Nahrungsmitteln (z.B. Joghurt), Nüssen und Samen sowie Vollkorngetreide auszeichnet. In den vergangenen Jahren fand man heraus, wie wichtig die Rolle der Darmgesundheit für ein optimales Immungleichgewicht ist. Gute Darmbakterien lassen sich günstig beeinflussen, wenn wir viel faserhaltige und präbiotische Nahrungsmittel wie Bananen, Leinsamen oder Joghurt essen. Zugleich ist auch bekannt, dass eine übermäßige Aufnahme von Zucker die Fähigkeit der Immunzellen verringert, Krankheitserreger zu zerstören. Eine zucker-, fett- und salzreiche Ernährung sowie viele industrielle Inhaltsstoffe in unserer Nahrung wie modifizierte Stärke und Farbzusätze, werden mit einem höheren Grad an Entzündungen und einer gestörten Immunität in Verbindung gebracht. Zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung sollten wir nicht vergessen, dass die Formel für eine gute Gesundheit auch ausreichenden Schlaf und moderate Bewegung beinhaltet.

 

Gibt es im „reichen“ Deutschland immer noch Mangelernährung?

In Europa ist die Protein-Energie-Mangelernährung bei älteren Menschen ein zunehmendes Problem.  Ältere Menschen, die in einem schlechten Gesundheitszustand sind oder andere Einschränkungen haben, sind besonders oft von Unterernährung betroffen. In unserer Gesellschaft sind weniger als 10 Prozent der selbständig lebenden älteren Menschen von Unterernährung betroffen. Bei Pflegeheimbewohnern und geriatrischen Patienten in den Krankenhäusern liegt der Anteil jedoch bei 50 Prozent und höher.

 

Verschlechtert sich die Unterernährung mit zunehmendem Alter?

Ältere Menschen sind besonders anfällig für Unterernährung. Unterernährung kann durch ein Ungleichgewicht zwischen der Energieaufnahme aus der Nahrung und dem Energiebedarf verursacht werden. Bei älteren Menschen können viele Faktoren zu diesem Ungleichgewicht beitragen, wie z.B. physiologische Appetitminderung, Kau- und Schluckprobleme, körperliche und kognitive Beeinträchtigung, Depression, Armut und Einsamkeit.

 

Was passiert im Alter mit dem Immunsystem?

Mit zunehmendem Alter wird unser Körper bei der Bekämpfung von Infektionen weniger effektiv. Das liegt vor allem daran, weil unser Immunsystem schwächer wird.  Wenn man sich alle Immunzellen als eine Verteidigungsarmee organisiert vorstellt, haben die „alten Krieger“, die immer wachsam waren, um uns vor Krankheitserregern von außen zu schützen, Schwierigkeiten, die neuen Bedrohungen – wie etwa den neuesten Grippestamm oder das neuartige Coronavirus – zu bekämpfen. Die Hauptorgane, die Immunzellen produzieren, wie zum Beispiel unsere Thymusdrüse, werden mit zunehmendem Alter kleiner. Sie produzieren weniger Immunzellen, das heißt, zur Bekämpfung neuer Infektionen können weniger Immunzellen mobilisiert werden. Dies könnte erklären, warum ältere Menschen besonders anfällig für die COVID-19-Infektion sind.

 

Wie wirken sich falsche Ernährungsweisen – vielleicht sogar schon vor dem Rentenalter– auf die Gesundheit älterer Menschen aus?

Die Ernährung während unseres gesamten Lebenszyklus spielt eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden und kann auf das Alter große Auswirkungen haben.  Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation kann beispielsweise eine relativ bescheidene Verringerung der Aufnahme an gesättigten Fettsäuren und Salzen bewirken, dass der Blutdruck und die Cholesterinkonzentration sinken. Das hat einen wesentlichen Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die sich dadurch reduzieren lassen. Umgekehrt kann eine Erhöhung des Obst- und Gemüseverzehrs um ein bis zwei Portionen täglich das kardiovaskuläre Risiko um 30 Prozent senken. Pflanzliche Ernährung einschließlich des Verzehrs von Vollkorngetreide, Obst, Gemüse, Nüssen und Olivenöl während unseres gesamten Lebens – also die Ernährung nach mediterraner Art – kann besonders bei Entzündungszuständen und für die Ausbalancierung von Immunfaktoren vorteilhaft sein.  Spezifische Ratschläge in Bezug auf die Ernährung älterer Menschen sind die Erhöhung der Zufuhr von Vitamin E (134 mg bis 800 mg/Tag), Zink (30 mg bis 220 mg/Tag), Vitamin C (200 mg bis 2 g/Tag) und insbesondere für Personen mit niedrigem Serum-Vitamin-D-Status, Vitamin D (10 μg bis 100μg/day). Die Empfehlung für eine gesunde Ernährung und Lebensweise ist von größter Bedeutung, um unser Immunsystem vor, während und nach einer COVID-19-Infektion in der richtigen Balance zu halten.

 

Welche Faktoren – abgesehen von der Ernährung – haben ebenfalls Einfluss auf die Immunstärke und Fitness einer Person?

Wie bereits erwähnt, spielen die individuellen Gene, das Alter und der allgemeine Lebensstil, aber auch die Gesamtexposition gegenüber Krankheitserregern und Krankheiten im Laufe des Lebens eine Rolle für die Immunität eines Menschen. Zwar können wir unsere Gene und auch die Tatsache, dass wir mit der Zeit älter werden, nicht verändern, aber wir können unsere Ernährung und unseren Lebensstil ändern. Wir sollten gesunde Ernährungsentscheidungen treffen, um Übergewicht zu vermeiden, uns mehr bewegen und ausreichend schlafen. Wir dürfen auch die Bedeutung der sozialen Netzwerke und des kognitiven Wohlbefindens nicht vergessen, die gerade auch im höheren Alter wichtig sind. Beispielsweise zeigen Studien, dass Demenz und Mangelernährung in einem engen Zusammenhang damit stehen, ob ein Mensch sozial verankert oder einsam ist.

 

Was können Sie den Köchen und Haushälterinnen in Altersheimen oder in der Gemeinschaftsverpflegung bei der Erstellung von Speiseplänen und der Zubereitung von Menüs empfehlen?

Besonders wichtig ist es, sich über die neuesten Empfehlungen von Geriatrie- und Ernährungsspezialisten und Organisationen, wie z.B. der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, auf dem Laufenden zu halten: https://www.dge.de/. Darüber hinaus sollten der Salz-, Zucker- und Fettgehalt der Lebensmittel sowie künstliche/chemische Zusatzstoffe streng geregelt und reduziert werden.  Die Vielfalt an Lebensmitteln, vor allem Obst und Gemüse der Saison, Vollkornprodukte und fermentierte Lebensmittel und Getränke, z.B. Joghurt, sollten Teil des täglichen Speiseplans sein. Darüber hinaus bieten die reichen natürlichen Ressourcen Deutschlands eine Vielzahl von Heilpflanzen, das heißt Kräuter und Gewürze, die ein weiteres großes Potenzial zur Verbesserung der Ernährung und Gesundheit älterer Erwachsener darstellen können.

 

Halbwissen und „Geheimrezepte“, die gegen Corona helfen sollen, sind derzeit wieder im Umlauf. Warum ist das riskant?

Wenn gesagt wird, dieses bestimmte Lebensmittel „stärkt die Immunität“, ohne dass die Aussage wissenschaftlich fundiert ist, so kann das sogar gefährlich sein. Der Versuch, Zellen jeglicher Art zu stärken, ist nicht automatisch gut für unseren Körper und kann zu ernsthaften Nebenwirkungen führen. Es sollte ein Gleichgewicht herrschen: Zwischen einem Immunsystem, das die Fähigkeit besitzt, externe Krankheitserreger, die unseren Körper infizieren wollen, zu begrenzen, und einem hyperaktiven Immunsystem, das Probleme wie Allergien, rheumatische Arthritis und andere Arten von autoinflammatorischen Störungen und Autoimmunerkrankungen verursachen kann. Jedes Produkt, das in der Lage ist, das Immunsystem zu stärken, könnte solche Autoimmunreaktionen und andere Gesundheitsprobleme auslösen. Eine Überaktivierung des Immunsystems kann für bestimmte Personen, die COVID-19 ausgesetzt sind, besonders gefährlich sein, da sie einen „Zytokinsturm“ entwickeln können, der als abrupte Produktion von Immunzellen mit schädlichen Auswirkungen auf mehrere Organe und Systeme beschrieben wird und tödliche Folgen haben kann. Daher ist es wichtig zu verstehen, dass das „Spiel mit dem Immunsystem“ gefährlich sein kann und zu ernsthaften unerwünschten Wirkungen führen kann. Viele Menschen, die sich ausgewogen und reich an Obst und Gemüse ernähren, verfügen beispielsweise bereits über einen ausreichenden Gehalt an antioxidativen Vitaminen und Mineralien und benötigen möglicherweise keine zusätzliche Supplementierung.

 

Was halten Sie von der Forderung, mehr Gewicht auf die Ernährungserziehung zu legen – zum Beispiel in Schulen und Berufsschulen?

Natürlich würde ich die Initiativen zur Ernährungserziehung unterstützen, insbesondere solche, die auf einer sorgfältigen Abwägung spezifischer Faktoren beruhen, die die individuelle Wahl der Lebensmittel beeinflussen können. Wir müssen einige einfache Fragen beantworten, etwa: Was kann einen jungen Menschen dazu bewegen, sich für ein bestimmtes Essen zu entscheiden? Zum Beispiel, weil es ein Lebensmittel ist, das er gewohnt ist und in seiner Familie gegessen wird, oder ob es etwas ist, das ihm einfach gefällt? Oder, weil es leicht zu bekommen ist und weil seine Altersgenossen es auch bevorzugen, oder ob es gerade Mode ist?  Wenn wir junge Menschen darüber aufklären, dass verschiedene Obst- und Gemüsesorten gesund sind und mindestens fünfmal am Tag gegessen werden sollten, aber in der Schulkantine keine Auswahl an frischem Obst und Gemüse angeboten wird, sondern stattdessen Gerichte mit hohem Salz- und Fettgehalt, wird das Bildungsprogramm weniger effektiv sein. Es muss klar sein, wie wichtig es ist, die Anstrengungen vieler Parteien – Lebensmittelindustrie, Lieferanten, Kantinenplaner, Schulverwaltung, Lehrer, Eltern und schließlich auch gut ausgebildete Gesundheitserzieher – zu bündeln, um Erfolge zu erzielen.

Vielen Dank für das sehr informative Gespräch!

 


Quellenangabe:

  1. Elizabeth J. Williamson, Alex J. Walker, […]Ben Goldacre: „Factors associated with COVID-19-related death using OpenSAFELY“, https://www.nature.com/, 08 Juli 2020, abgerufen am 10.09.2020